Tag zwei des 15. Europäischen Mediengipfels im Zeichen von KI und digitalem Wandel

Herausforderungen des Journalismus, Boulevardpresse, Künstliche Intelligenz – diese Themen beschäftigten den diesjährigen Mediengipfel am zweiten Tag. In Diskussionsrunden debattierten u.a. Armin Wolf (ORF), Anita Zielina (CEO Better Leaders Lab), Jaume Duch (Sprecher des Europäischen Parlaments) und Kai Diekmann (ehemaliger BILD-Chefredakteur) über brisante Themen.

Datum: 01.12.2023
Ort: Lech am Arlberg
Ressorts: Events, Politik, Wirtschaft
Kunde: Mediengipfel

Kernthemen des Medienforums unter der Leitung des Presseclubs Concordia waren die Herausforderungen für den modernen Journalismus: Finanzierung, Medienkompetenz, Künstliche Intelligenz und die Frage, welchen Stellenwert traditionelle Medien noch haben. Laut Katharina Schell (APA) ist die größte Herausforderung des Journalismus, „zeitgemäße, nachhaltige, zukunftsfähige und tragfähige Geschäftsmodelle“ zu schaffen. Um Fake News zu begegnen, seien vor allem Kollaborationen und News-Agencies wie APA oder Reuters als „News-Backbones“ entscheidend.

Armin Wolf (ORF) würde Medienkompetenz bereits in der Schule stärken. „Wir haben noch keine Vorstellung davon, wie wir damit umgehen werden, wenn in spätestens drei Jahren massenhaft Videos auftauchen werden, von denen auch Profis nicht mehr sagen können, ob sie echt sind oder nicht.“ Hier sollten Kompetenzen gelehrt werden, die von „media literacy“ bis zu „KI literacy“ reichen. Gerold Riedmann (Geschäftsführer Russmedia) betrachtet KI als Hilfe und Brainstorming-Apparat, beispielsweise bei der Titelsuche oder bei der Ressortzuteilung. Er empfiehlt einen Blick nach Skandinavien, denn „dort gibt es Beispiele für regionale Medien und Qualitätsmedien, die sich seit Jahren mit KI-Themen beschäftigen“. Als besondere Herausforderung sieht Riedmann die „Aufmerksamkeitsökonomie“ auf Spektakuläres und Lügen im Gegensatz zu seriösen Medien.

Die EU vor der Wahl
Um große Herausforderungen ging es auch im „Inside Brüssel“-Interview von ORF-Korrespondentin Raffaela Schaidreiter mit dem Sprecher des Europäischen Parlaments Jaume Duch. Fragen und Antworten zu Umweltschutz, dem Katar-Korruptionsskandal im Europäischen Parlament bis hin zur Stärke der rechtspopulistischen Politik bei der nächsten EU-Wahl mündeten schlussendlich in der Debatte rund um die Beteiligung junger Menschen in der EU-Politik und der kommenden EU-Wahl. 70 Prozent der jungen Österreicherinnen und Österreicher würden ihre Informationen über Social Media beziehen, so Duch. Zugleich sei aber beispielsweise TikTok für die EU gesperrt. Trotzdem würde versucht, junge Wählerinnen und Wähler über andere Social-Media-Kanäle zu erreichen.

Verteidigung des Boulevards
Für Kai Diekmann (ehemaliger BILD-Chefredakteur) liegen in der großen Transformation neue Möglichkeiten. Online gehe es z.B. der BILD und Krone besser als je zuvor. Boulevard mache große Schlagzeilen und müsse genau deshalb präzise und besonders genau sein. „Wenn die FAZ in ihren Schlagzeilen Alarm schlägt, dann gibt es vielleicht eine Sondersitzung der Bundespressekonferenz, wenn die BILD-Zeitung Alarm schlägt, dann ist Alarm“, so Diekmann. Über Social Media werde außerdem die Abhängigkeit der Politikerinnen und Politiker von traditionellen Medien weniger, da sie – man sehe es in den USA – selbst Kanäle betreiben könnten.

Hans Mahr (Medienmanager) stellt Österreich ein „Distanz-Problem“ aus. Wirtschaft, Journalismus und Politik seien hier „aus einer Batterie gespeist“, das müsse sich ändern. Zugleich sei der ORF ein demokratisches Element in Österreich, das nicht ersetzt werden könne, da es für Stabilität im Medienverhalten und Konsum stehe.

KI – Richtlinien und Skepsis
Beim KI-Wissenschaftsforum mit Viorela Dan (Universität Innsbruck), Justus Piater (Universität Innsbruck) und Armin Rabitsch (wahlbeobachtung.org) wurde über die potenzielle Auswirkung von KI auf Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert. Trotz Fortschritten bei Open AI und realistischer Videodarstellung herrsche laut Dan Vorsicht: „Die Aussagen, die Politikern in den Mund gelegt werden, sind so brisant, dass alle Glocken bei Journalisten läuten.“ Die Furcht vor politischen Deepfakes sei laut Rabitsch besonders vor Wahlen präsent. Die Idee, KI durch KI zu kontrollieren, werde diskutiert, aber es herrsche Skepsis, so Piater. Die EU plane eine Verordnung für KI, doch Zweifel an der Durchführbarkeit würden bleiben und Misstrauen gegenüber großen Unternehmen wie Meta bezüglich Menschenrechten blieben bestehen.

Diese Presseaussendung entstand in der Medienakademie (Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten) des Europäischen Mediengipfels. Diese wird von der APA, der Kleinen Zeitung und der Tiroler Tageszeitung betreut.

Über den Europäischen Mediengipfel Lech am Arlberg
Seit dem Gründungsjahr 2007 bildet der Europäische Mediengipfel in Lech am Arlberg einen außergewöhnlichen Rahmen für Diskussionen, in denen ungefilterte Einblicke und fundierte Ausblicke in die anhaltend turbulente Welt der Medien, die europäische Politik und die wirtschaftlichen, wie gesellschaftspolitischen Zusammenhänge der europäischen Lebensrealität geboten werden. Der unter der Schirmherrschaft des österreichischen Außenministeriums stehende Europäische Mediengipfel – von der Kommunikationsagentur ProMedia Kommunikation initiiert und seither federführend mit Lech Zürs Tourismus GmbH und dem Verband der Auslandspresse in Wien organisiert – wird von der Gemeinde Lech und den Ländern Vorarlberg und Tirol, dem Europäischen Parlament unter Vizepräsident Othmar Karas und dem Presseclub Concordia unterstützt. Weitere Partner sind die Tirol Werbung, die Industriellenvereinigung Tirol und Siemens. Die Medienakademie wird ermöglicht und unterstützt durch die Wirtschaftskammer Österreich, die APA – Austria Presse Agentur, Moser Holding GmbH und Russmedia. Als Medienpartner der Veranstaltung fungieren APA – Austria Presse Agentur, ORF, Der Standard, Tiroler Tageszeitung sowie Vorarlberger Nachrichten.