Unter dem Titel „Nachfolge im Tourismus: Wie Familienunternehmen den Generationenwechsel meistern“ lud das Zentrum für Tourismus, Forschung und Medien im Rahmen der F.acT Talks zu einer Dialogveranstaltung, die Wissenschaft und Praxis an einen Tisch bringt. Prof. Priv.-Doz. Dr. Anita Zehrer (Leiterin des Zentrum Familienunternehmen am MCI) diskutierte dabei mit Valentina Ultsch (Head of People & Organization und Prokuristin harry’s home & ADLER Hotels) sowie Josef „Sepp“ Schwaiger (Geschäftsführer, Inhaber und Gastgeber der Eder Collection / Eder Hotels GmbH).
„Familienunternehmen denken in Generationen, nicht in Quartalen“
„Im Tiroler Tourismus liegt der Anteil an Familienbetrieben bei 92 Prozent, welche als Sympathieträger und Innovationsmotor fungieren und mit ihren etwa 60.000 Beschäftigten als Arbeitgeber stark in ihren Regionen verankert sind. 2.600 bis 3.000 davon werden in naher Zukunft meist von der 3. auf die 4. Generation übergeben“, betonte Zehrer. „Gerade deshalb ist die Frage der Nachfolge – die durchschnittlich zwischen fünf und acht Jahre dauert – keine rein betriebswirtschaftliche, sondern berührt immer auch Emotionen, Familienrollen und Werte. Das Besondere daran: Familienunternehmen denken in Generationen, nicht in Quartalen.“
Für Josef „Sepp“ Schwaiger ist Unternehmertum in den Betrieben der Familie Eder in Maria Alm am Hochkönig gelebter Alltag: „Unternehmertum und Familie wird bei uns nicht getrennt – wir leben das. Ich habe früh Verantwortung bekommen und mich im Ort eingebracht. Schließlich sind wir als Region gewachsen – heute hat die Region Hochkönig rund 1,5 Millionen Nächtigungen. Bei der Betriebsübergabe war es jedoch zentral, klare Verantwortungen zu verteilen und Selbstvertrauen aufzubauen. Am Ende muss man wertschätzen, dass man sich entfalten darf.“
Valentina Ultsch ist bei der stark wachsenden Familienhotelgruppe harry’s home & ADLER Hotels für die Personal- und Kulturarbeit verantwortlich. Das Motto „We all are family“ war irgendwann nicht mehr zeitgemäß: „So ein Slogan ist für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwer mitzutragen – heutzutage muss man eher Werte leben, mit denen man sich identifizieren kann. Für den Übergabeprozess haben wir klare Rollen definiert.“ Zu ihrer Rolle als Nachfolgerin: „Ich bin nicht die gleiche Führungskraft, wie vor drei Jahren – man entwickelt sich weiter.“
„Eine saubere Übergabe beginnt lange vor der Unterschrift“, fasst Anita Zehrer zusammen. „Wer frühzeitig in der Familie über Nachfolge spricht, Vertrauen statt Kontrolle lebt, klare Rollen definiert und eine offene Dialogkultur pflegt, macht aus dem Generationenwechsel keinen Risikofaktor, sondern einen strukturierten Prozess. Entscheidend ist, die eigenen Werte zu bewahren und gleichzeitig Raum für neue Ideen zu öffnen.“
Wissenschaftliche Perspektive: Nachfolge als strategische Zukunftsfrage
„Im vergangenen Herbst haben wir im Rahmen der F.acT Talks das Thema Mobilität beleuchtet. Dieses Mal wurde die Nachfolge in den Tiroler Tourismusbetrieben diskutiert, was eine fundamentale Bedeutung für die heimische Tourismuswirtschaft hat. Mit den F.acT Talks übersetzen wir Forschung in konkrete Impulse für Betriebe. So wird aus Wissen gelebte Praxis im Tourismus“, betonen die wissenschaftlichen Träger von F.acT, Hubert Siller (Leiter MCI Tourismus) und Birgit Pikkemaat (Institut für Management und Marketing, Team KMU & Tourismus, Universität Innsbruck), unisono.
Über F.acT
F.acT ist eine Initiative der Universität Innsbruck und des MCI, welche durch das Land Tirol gefördert wird, und zielt darauf ab, den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die touristische Praxis Tirols zu gewährleisten. Dies erfolgt durch die Kommunikation aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und der daraus resultierenden praktischen Implikationen in die Tourismusverbände und touristischen Betriebe Tirols. F.acT leistet durch faktenbasierte Publikationen und Expert:innenstatements einen Beitrag zur Versachlichung von Tourismusdebatten. Weitere Informationen unter www.fact.tirol