Auf dem Podium diskutierten Miriam Sonntag, Leiterin des Lehr-Lern-Labors für inklusive Bildung an der Universität Innsbruck, Claudia Haas aus der Lehrer:innenbildung an der Pädagogischen Hochschule Tirol, Doris Schumacher, Direktorin des BRG in der Au in Innsbruck, und Martin Vettori, Leiter der Mittelschule Dr. Posch in Hall in Tirol. Moderiert wurde der Abend von AUDIOVERSUM-Direktorin
Julia Sparber-Ablinger. Sie stellte zu Beginn die Bedeutung des lebenslangen Lernens in den Mittelpunkt: „Lernen beginnt lange vor dem ersten Schultag und endet lange nach dem letzten Zeugnis. Es ist eine der größten menschlichen Fähigkeiten, die Welt zu verstehen, sich weiterzuentwickeln und neue Perspektiven zu gewinnen. Umso wichtiger ist es, dass Schule Neugier weckt, Begeisterung ermöglicht und Kinder dazu ermutigt, ihr Potenzial zu entfalten.“ Zugleich lenkte sie den Blick auf die zentrale Frage des Abends, „welche Bedingungen Kinder, Jugendliche und Lehrpersonen brauchen, um erfolgreich lernen und lehren zu können, und wie Bildung künftig gestaltet werden muss, damit sie möglichst vielen Menschen gute Chancen eröffnet.“
Beziehung, Vertrauen und eine klare Lernkultur
Dass Lernen nicht allein von Methoden oder Lehrplänen abhängt, sondern wesentlich von Beziehungen geprägt wird, betonte
Claudia Haas: „Lernen hat sehr viel mit Beziehungsgeschehen zu tun. Die Lehrperson ist das Wichtigste im gesamten Bildungskontext.“ Lehrpersonen müssten Kinder motivieren, begeistern und neugierig machen können. Gerade mit Blick auf Künstliche Intelligenz werde sich ihre Rolle deutlich verändern, sagte Haas; umso wichtiger seien Reflexionsfähigkeit und die Einsicht, nicht auf jede Frage bereits eine Antwort zu haben.
Martin Vettori verwies auf das Lernbüro an der Mittelschule Dr. Posch als Beispiel für eine Lernumgebung, die Eigenständigkeit und Orientierung verbinden soll. Im Mittelpunkt stehe, das Gelingen sichtbar zu machen, ohne Schwierigkeiten auszublenden, und Lernziele für Kinder klar zu halten. „Fehler sind der Steigbügel des Lernens“, brachte er seine Haltung auf den Punkt. Auch die Überprüfung von Leistung müsse sich weiterentwickeln: „Mit der Aufgabenstellung beginnt der Prozess der Erneuerung des Bewertungssystems.“
Miriam Sonntag hob die Bedeutung von Vertrauen und Zutrauen hervor: „Lehrende müssen Vertrauen schenken. Manchmal kann man viel mehr, als man sich zutraut.“ Lernen gelinge vor allem dort, wo Kinder ermutigt würden, eigene Fähigkeiten zu entdecken und sich etwas zuzutrauen.
Doris Schumacher rückte die Erfahrung der Schüler:innen in den Mittelpunkt: Kinder sollten sich willkommen fühlen und sich öffnen können. Lehrpersonen und alle, die in der Schule tätig sind, müssten für sie präsent sein. Der Begriff „Leistung“, positiv verstanden, bedeute auch, zu spüren, dass man wachsen kann. Auch die Diskussion rund um die Abschaffung der Ziffernnoten stieß auf großes Interesse. Einigkeit bestand darüber, dass das bestehende Notensystem reformbedürftig ist und den Anforderungen eines zeitgemäßen Unterrichts im Jahr 2026 nur mehr bedingt gerecht wird. Offen blieb allerdings die Frage, wie ein alternatives Bewertungssystem konkret aussehen könnte. Mehrere Diskussionsteilnehmer:innen wiesen zudem auf den erheblichen organisatorischen und bürokratischen Aufwand hin, den neue Formen der Leistungsbeurteilung mit sich bringen könnten. Gleichzeitig herrschte Konsens darüber, dass die Art, wie Lernen sichtbar gemacht und Leistung bewertet wird, künftig weiterentwickelt werden muss.
Inklusion braucht mehr als gute AbsichtenIn der Diskussion über Leistungsbeurteilung und Inklusion wurde deutlich, dass pädagogische Veränderung Zeit und geeignete Rahmenbedingungen voraussetzt. Haas hielt fest: „Man kann eine klassische Beurteilung aufbrechen. Dafür braucht es aber Zeit.“ Zugleich verwies sie auf die große Verantwortung der Volksschullehrpersonen und die Notwendigkeit multiprofessioneller Teams. Klassen seien von unterschiedlichen Lernvoraussetzungen geprägt; diese Vielfalt müsse sich auch in der Unterstützung und Unterrichtsgestaltung niederschlagen. Vettori wandte sich gegen die Vorstellung, Inklusion sei vor allem eine Frage der Sprache. Auch Lernschwierigkeiten und andere Eigenschaften könnten dazu führen, dass Kinder abgestempelt würden. Sprachliche Herausforderungen gebe es zudem nicht nur in Familien mit Migrationsgeschichte. Vielfalt verstehe er als Stärke der Schule: „Wir sind keine Brennpunktschule, denn Vielfalt ist unsere Superkraft.“ Sonntag beobachtete, dass die Schüler:innenzahlen an Sonderschulen wieder steigen. Für inklusive Schulen brauche es daher verlässliche Teams; andernfalls bestehe insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund die Gefahr, aus dem gemeinsamen Lernen ausgeschlossen zu werden. „Für inklusive Schulen braucht es Teams“, sagte sie. Schumacher ergänzte, dass manche Kinder auch von zu Hause überfordert würden. Zugleich ließen die Strukturen im Gymnasium einer Lehrperson oft wenig Spielraum für individuelle Betreuung.
Lehrkräfte zwischen Beziehung, Wandel und BelastungDie Rolle der Lehrperson war ein weiterer roter Faden des Abends. Schumacher beschrieb die notwendige Haltung als umfassende Präsenz: „Man muss – um eine gute Lehrperson zu sein – GANZ DA sein.“ Dazu gehöre, selbst als lernende Person sichtbar zu bleiben und Zuversicht zu vermitteln, ohne Probleme auszublenden. Haas ergänzte, dass Lehrkräfte zunehmend auch Motivator:innen seien und junge Menschen für Inhalte gewinnen müssten. Sonntag wies darauf hin, dass der Wandel des Berufsbildes manchen den Einstieg erschwere: Neues könne Ängste auslösen und vom Lehrberuf abschrecken. Auch der Umgang mit Regeln und Respekt wurde kontrovers diskutiert. Schumacher sah darin eine gesellschaftliche und demokratiepolitische Frage: „Es fehlt zunehmend in der Gesellschaft die Verbindlichkeit, dass es gut ist, gewisse Regeln einzuhalten. Es ist ein demokratiepolitisches Problem.“ In diesem Zusammenhang wurde auch die Wiederkehr des Drei-Leistungsgruppen-Systems „durch die Hintertür“ als grundfalsch kritisiert. Die Runde warnte davor, dass eine zunehmende Trennung im Bildungssystem gesellschaftliche Spaltung verstärken könne.
„Eine Schule, die unterstützt, bevor Kinder scheitern“Bei der Frage nach der Schule der Zukunft wurden unterschiedliche Visionen formuliert, die sich in vielen Punkten ergänzten. Claudia Haas verband ihre Kritik am zunehmenden Leistungsdruck mit einem Plädoyer für nachhaltige Lernfreude: „Das Lernen soll nicht satt machen, sondern hungrig auf mehr.“
Martin Vettori sprach sich für eine gemeinsame Schule für alle Kinder im Sinne einer Gesamtschule aus. In diesem Zusammenhang waren sich Doris Schumacher und Martin Vettori einig, dass die Unterscheidung verschiedener Schulformen langfristig überdacht werden sollte: „Nennen wir doch alles Gymnasium.“ Entscheidend sei nicht die Bezeichnung einer Schule, sondern dass alle Standorte mit den notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet werden und Bildung auf hohem Niveau ermöglichen. Dadurch könne man soziale Trennungen und Bildungsungleichheiten frühzeitig entgegenwirken. Vettori plädierte zudem dafür, handwerkliche und praktische Kompetenzen stärker im Schulalltag zu verankern. Doris Schumacher wünschte sich eine engere Verbindung zur Natur und mehr Raum für Entschleunigung: „Meine Schule der Zukunft hätte einen Garten, der von den Schüler:innen selbst angebaut und geerntet wird. Die Verbindung zur Natur wird in Zeiten wie diesen immer wichtiger. Langsamkeit wäre erstrebenswert.“ Miriam Sonntag brachte den Anspruch inklusiver Bildung in einem Satz auf den Punkt: „Wir sollten eine Schule schaffen, in der Kinder nicht erst scheitern müssen, um unterstützt zu werden.“
Darin bündelten sich zentrale Gedanken des Abends: Lernen braucht Beziehungen und Vertrauen, Orientierung und Zeit, aber auch Strukturen, die unterschiedliche Voraussetzungen ernst nehmen. Unterstützung sollte nicht erst dann einsetzen, wenn Schwierigkeiten bereits zu Misserfolg geworden sind, sondern Kinder von Beginn an auf ihrem individuellen Bildungsweg begleiten.
Über die Ausstellung WIE WIR LERNEN
Wie entsteht Wissen? Was passiert beim Lernen in unserem Gehirn? Und welche Strategien helfen uns, ein Leben lang neugierig zu bleiben? Diesen Fragen widmet sich die Sonderausstellung „WIE WIR LERNEN“, die im AUDIOVERSUM Science Center in Innsbruck eröffnet wurde. Die interaktive Schau wurde ursprünglich vom interdisziplinären Museum Kulturama Zürich entwickelt und gemeinsam mit dem Team des AUDIOVERSUM sowie dem Büro „die raumgestalten“ für Innsbruck adaptiert. Zum Begleitprogramm gehört unter anderem die Vorführung des vielfach ausgezeichneten Films „Alphabet“ von Regisseur Erwin Wagenhofer. Die Sonderausstellung WIE WIR LERNEN im AUDIOVERSUM Science Center widmet sich dem Lernen als lebenslangem Prozess, der lange vor der Schule beginnt und weit über sie hinausreicht. Sie macht aktuelle Erkenntnisse aus Neurologie, Psychologie und Pädagogik erlebbar und geht Fragen nach, wie Lernen funktioniert, welche Strategien hilfreich sind und was dabei im Gehirn geschieht. Menschliche Hirnpräparate, Modelle, Filme, Tests und Spiele eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Entstehung von Wissen und zu Lernprozessen im Alltag. Die Ausstellung lädt dazu ein, den Komplex „Lernen“ aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten: als Zusammenspiel von Neugier, Übung, Erfahrung und individuellen Lernwegen. Auch die Bedeutung von Vertrauen, Selbstvertrauen und passenden Lernumgebungen wird im Kontext der Bildungsdebatte sichtbar. So entsteht eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Fragen, die Kinder, Jugendliche, Familien und pädagogische Fachkräfte im Alltag beschäftigen. WIE WIR LERNEN ist noch bis Frühjahr 2027 im AUDIOVERSUM Science Center, Wilhelm-Greil-Straße 23, Innsbruck, zu erleben. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr; letzter Einlass 17.30 Uhr, Montag Ruhetag.
Über das AUDIOVERSUM
Das AUDIOVERSUM ist das interaktive Museum rund ums Hören in Innsbruck. Als Science Center verbindet es Medizin, Technik, Bildung und Kunst zu einer in Europa einzigartigen, akustischen Erlebniswelt. Initiator des Science Centers ist MED-EL, der weltweit führende Anbieter innovativer Hörlösungen.
www.audioversum.at